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| Joel Harrison - The Wheel |
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| A five movement suite for double quarter and guitar |
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Komponist: Joel Harrison Interpret: Joel Harrison
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| Joel Harrison: guitare / Todd Reynolds: violin / Chris Howes: violin / Caleb Burhans: viola / Wendy Sutter: cello / David Binney: alto saxophone / Ralph Alessi: trumpet, flugelhorn / Lindsey Horner: bass / Dan Weiss: drums |
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| Der Jazz, so heißt es, lebt allein vom Augenblick. Doch schon Duke Ellington wusste, dass diese These Quatsch ist und schuf Werke für die Ewigkeit. Als hielte er es mit Goethes Slogan: „Zum Augenblicke möchte‘ ich sagen, verweile doch, du bist so schön“, arbeitete er mit Arrangeuren, die seine spontanen Einfälle in unvergängliche Gewänder hüllten.
Exponenten von Klassik und Jazz haben seither immer wieder versucht, eine logische Verbindung zwischen beiden Musikrichtungen zu finden. Selten mit Erfolg, denn meistens kippte es in die eine oder andere Richtung und wurde somit für die Anhänger der jeweils anderen uninteressant. Gitarrist Joel Harrison scheint nun derjenige zu sein, der die Zauberformel gefunden hat. Auf seinem neuen Album „The Wheel“ sucht er nicht auf kürzestem Weg nach der Synthese zweier Klangprinzipien, sondern hebt bestimmte Momente von Klassik und Jazz hervor, um in jedem Satz neue Dichte- und Durchdringungsgrade zu finden.
Joel Harrison ist ein musikalischer Tausendsassa, der in der improvisierten Musik ebenso zu Hause ist wie im Rock und in der amerikanischen, asiatischen und afrikanischen Folklore. Jeder Satz setzt seine eigenen Schwerpunkte und funktioniert wie im Jazz als autarkes Stück. Und doch ergibt erst die Gesamtheit aller Stücke eine Aussage, die Damals und Heute, Hier und Dort, Innen und Außen, Bewegung und Starre, Ahnung und Wirklichkeit vereint. „In The Wheel habe ich nach neuen Wegen der Kombination von Klassik und Jazz gesucht und dabei noch afrikanische und amerikanische Folklore zu integrieren. Ich habe bewusst die beiden Standardbesetzungen des Streichquartetts und des Jazzquartetts gewählt. Ich bin sicher nicht der Erste, der diese beiden Formationen koppelt, aber normaler Weise fügt man der Jazz-Band eine Streichergruppe hinzu. Bei mir war es umgekehrt. Ich habe mit den Streichern begonnen und nach einer Verbindung zum Jazz gesucht. In diesem Sinne ist es viel geschriebene Musik. Ich wollte wirklich ein großes Statement abgeben. Es ist sicher das ernsthafteste Projekt, das ich jemals verwirklicht habe.“
Charles Ives trifft Henry Mancini? Hank Williams und Ali Farka Touré plaudern mit John Coltrane? Klingt griffig, aber so einfach ist es nicht, denn in der reflektierten Persönlichkeit Joel Harrisons fließen zu viele Einflüsse auf zu unterschiedlichen Wegen zusammen, als dass man es auf derartige Meeting Points limitieren könnte. Bislang machte der Gitarrist sich um ungewöhnliche Allianzen zwischen Jazz und traditionellen Song-Formaten verdient. Für „The Wheel“ orientierte er sich jedoch an Gunter Schuller. Schuller erfand in den fünfziger Jahren den so genannten Third Stream und schuf vertrackte Synthesen aus Jazz und Klassik schuf, die ihrer Zeit aber zu weit voraus waren. Doch im Gegensatz zu Schuller versucht Harrison seine komplexen Ideen auf möglichst einfache Weise zu transportieren. Seine Musik hat gleichzeitig Gravitation und unbeschreibliche Leichtigkeit. Hier ein Blick in die Zauberkiste des Gitarristen. „Man muss die richtige Balance finden. Zum Beispiel muss man für ein Solo eine Dramaturgie schaffen, dass es nicht aus dem Nichts zu kommen scheint. Wenn man komponiert, geht alles um die Form. Welche Umgebung braucht ein Solo, damit es Sinn macht? Wie lang darf es sein, um die Musik nicht zu zerstören? Hätte es zu viele Soli gegeben, wäre der Rahmen von ‚The Wheel‘ gesprengt worden. In jedem Satz wird ein wenig solo gespielt, mit wechselnden emotionalen Stimmungen. Dennoch muss es einen Zusammenhang zwischen allen Aspekten innerhalb eines Satzes geben.“
Nun ist es ja kein Geheimnis, dass Jazzmusiker und Interpreten klassischer Musik verschiedenen, oftmals geradezu gegensätzlichen Musizierauffassungen anhängen. Harrison baute vor, um nicht ins zweischneidige Messer eines nimmer endenden Kulturstreits zu laufen. „Ich habe mich extra für Streicher entschieden, von denen ich wusste, dass sie die Jazz-Ästhetik verstehen, und für Jazzmusiker, die sich in der Klassik zuhause fühlen.
Dieses gegenseitige Verständnis ist wichtig, damit ein solches Werk immer noch organisch klingt. Wir haben es sogar alle zur gleichen Zeit aufgenommen. Eine Herausforderung blieb es immer noch. Aber es war zumindest immer noch möglich.“
Mit der Eleganz von „The Wheel“ legt Joel Harrison ein monumentales Entree als Komponist großformatiger Musik ab. Anders als die Vertreter des Third Stream kommt die Musik ohne jede Programmatik aus. Die Klänge erinnern an einen Fluss, der sich auf trockenem Boden sein eigenes Bett gräbt. Die Details stecken voller Überraschungen, zum Beispiel, wenn das Pizzicato der Streicher an das Geklimper eines Banjos aus den Ozark Mountains erinnert. Auch die Bezüge zum Jazz sind reichhaltig, doch es geht eben darum, einer temporär ermüdeten Kunstform neue Räume und Formen zu öffnen. Ein Thema, bei dem sich der sonst so beherrschte Joel Harrison auch mal ereifern kann. „Manchen Musikern mag es ja ausreichen, als Jazzmusiker wahrgenommen zu werden, aber mir wäre das niemals genug. Ich kann im Jazz nicht alles ausdrücken, was ich ausdrücken will. Die meisten Plattenfirmen wollen, dass man zehnmal hintereinander dasselbe Album macht, damit die Erwartungen des Publikums befriedigt werden. Doch das finde ich lächerlich. Die großen Komponisten haben ständig ihren Horizont erweitert und verschiedenartige Projekte verwirklicht. Einige waren komplexer, andere einfacher. Wie viele unterschiedliche Formen hat sich Strawinski zu Eigen gemacht? Für wie viele Ensembles hat er geschrieben? Wie oft hat sich sein Stil verändert? Wir müssen eben Wege finden, die verschiedenen Aspekte, die uns ausmachen, zu vereinbaren.“
„The Wheel“ ist eine runde Sache. Ein Stück Musik, das in seinen Grundelementen keineswegs revolutionär ist. Harrison ist Lichtjahre von jeder Avantgarde entfernt. Auf altbewährten Gefährten macht er sich auf in neue Galaxien. Das macht seine Musik nicht nur spannend und visionär, sondern auch angenehm und in beinahe jeder Lebenslage hörenswert.
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